Über das Aushalten

Gestern war ich abends mit Lotte im Wald unterwegs. Es war noch ziemlich schwül warm und ich habe versucht, ein schattiges Plätzchen ausfindig zu machen. Es gibt einen Bereich, in dem schnüffelt und buddelt sie unheimlich gern und ausdauernd. Daher habe ich die Schleppleine fallen gelassen. Fehler. Plötzlich schießt sie los und verschwindet quietschend-bellend im Dickicht – zehn Meter Biothane-Leine hinter sich her ziehend. Das Bellen entfernt sich schnell und ich kann es immer schwerer orten. Ich weiß genau, Rufen und Pfeifen hat keinen Sinn und so stapfe ich wütend auf mich selbst in die Richtung, in die sie verschwunden ist. Warum habe ich sie auch laufen lassen?

Irgendwann stehe ich auf einer kleinen Lichtung und rufe ihren Namen, damit sie weiß, wo ich bin. Dieses Gefühl der Ohnmacht beschleicht mich wieder. Ich habe keine Ahnung, wo sie ist und hoffe die ganze Zeit, dass sie sich nirgends mit der Leine verfängt.

Warten und die Ruhe aushalten. Schrecklich.

Genau das erleben wir auch gerade im Adoptionsprozess. Vor über einem Jahr haben wir uns angemeldet. Anfang des Jahres habe ich mehrere E-Mails geschrieben und auf den Anrufbeantworter der Senatsverwaltung gesprochen. Dann tat sich was. Vor knapp zwei Wochen kam die Nachricht, dass der Adoptionsdienst Berlin unsere Überprüfung übernehmen wird, wenn wir einverstanden sind. Unsere Kontaktdaten würden zu „gegebener Zeit“ weitergeleitet werden.

Können wir wirklich nur warten und aushalten?

Mir stellen sich ein paar Fragen. Fängt die Wartezeit wieder von vorn an beim Adoptionsdienst? Wenn nur die Überprüfung gemacht wird und wir danach in die Kartei der Senatsverwaltung kommen, entstehen uns dann dadurch Nachteile, dass uns die Bearbeiterinnen nicht persönlich kennen? Ich werde versuchen, das herauszubekommen.

Und doch müssen wir warten und hoffen, dass sich nichts verheddert und unser „Fall“ irgendwo hängen bleibt.

Jeden Tag laufen mir Frauen mit Babybäuchen über den Weg. Ich kann meinen Neid nicht unterdrücken. Es schmerzt und zehrt so viel Kraft und Nerven. Ich fühle mich einfach nicht komplett. Es gibt eine große Lücke in unserer kleinen Familie, die wir so gern füllen würden.

Sehnsüchtiges Warten und Aushalten.

Aushalten von Ungewissheit, von Unvollkommenheit und zum Teil auch von Machtlosigkeit über die eigene Situation. Und immer stelle ich mir auch die Frage, kann ich nicht doch etwas tun, um mein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen? Sollte ich mehr nachfragen und nerven, auf die Suche gehen nach Antworten und Einflussmöglichkeiten?

Gerade als ich losziehen wollte in die Richtung, in der ich Lotte vermutete, hörte ich ihr Halsband hinter mir bimmeln. Sie hat eine kleine Namensmarke mit unseren Telefonnummern auf der Rückseite am Halsband – war schon mal Gold wert, als sie einem Freund auf der Wanderroute im Skigebiet abgehauen ist und ein Skilehrer sie aufgegriffen hat.

Fix und fertig krachte sie ihren völlig überhitzen Körper ins schattige Gras. Das Warten und Aushalten der Situation hat sich in diesem Falle gelohnt!

…wenn das doch nur immer so schnell gehen würde!

Über Kontrollverlust

Als es gestern so heiß war, habe ich ein Video gesehen von der Hundegruppe, in der Lotte jeden Tag unterwegs ist, während wir auf der Arbeit sind. Sie waren an einem Flussufer, an dem es über einen betonierten Rand ins Wasser geht. Einige der Hunde sind voller Inbrunst direkt hineingesprungen – unsere Lotte ist nur aufgeregt am „Beckenrand“ auf und ab gelaufen. Sie vermeidet es nämlich, den Boden unter den Füßen zu verlieren. In menschlichem Verhalten würde ich es als Angst vor dem Kontrollverlust deuten. Ins Wasser geht sie nur so weit sie stehen kann, sie mag kein Auto-, Bahn- oder Busfahren. Auf dem Schiff versuchte sie bisher immer, über die Reling zu schauen.

Mit Kontrollverlust kann ich nicht gut umgehen. In meinem Leben lief immer alles ziemlich nach Plan und so, wie ich dachte, dass es richtig sei. Schule, Uni, verliebt, Job, zusammengezogen, berufsbegleitender Master – ein Schritt folgte konsequent dem nächsten. Meine Planung sah auch vor, dass ich eine junge Mutter werden würde. Dass es anfangs nicht funktionierte, frustrierte mich zwar, aber ich hatte noch das Gefühl, etwas tun zu können, um es zu ändern: Kinderwunschpraxen sei Dank. Nach knapp zwei Jahren, ca. sechs Monate vor unserer Hochzeit dann der erlösende positive Test. Es schien wieder nach Plan zu laufen.

In der achten Woche hörte das Herz auf zu schlagen.

Ich bekam zum ersten Mal eine Ahnung davon, wie es sich anfühlt, haltlos durch Raum und Zeit zu trudeln. Die Hochzeit und unsere wunderbaren Flitterwochen lenkten mich ab. Wir machten weiter, wechselten die Ärzte – immer in der Illusion, Einfluss nehmen zu können, wenn wir uns nur genug bemühten.

Wir kauften noch im Jahr unserer Hochzeit ein Haus. Kurz nachdem bei mir eine Gerinnungsstörung diagnostiziert wurde, ca. ein Jahr nach der ersten Schwangerschaft, klappte es ein zweites Mal. Da ich jeden Abend Heparin spritzte „gegen“ die Gerinnungsstörung, gewann ich den Eindruck, alles unter Kontrolle zu haben. Wenn doch die Ursache für die vorherige Fehlgeburt gefunden war, konnte ja (fast) nichts schief gehen. Warum sollte es uns ein zweites Mal treffen? In meiner Vorstellung war ich beim geplanten Umzug ins Haus hochschwanger und wir würden einen wunderbaren Start zu dritt haben in unserem neuen Zuhause.

Es kam die neunte Woche und mir wurde der Boden unter den Füßen weggezogen: Das Herz schlug nicht mehr.

Es stellte sich heraus, dass ich eine balancierte Translokation in mir trage, die das Risiko für Fehlgeburten sehr erhöht. Diese Nachricht hat mich komplett aus der Bahn geworfen und in den Monaten danach stellte ich alles in Frage: meinen Job, den Hauskauf, meine Ehe, meinen kompletten bisherigen Lebensweg. Ich war komplett außer Kontrolle und schaffte es nicht, irgendeinen haltgebenden Ast zu greifen, der mich vor dem Sturz in die Tiefe bewahrte. Ich fiel und fiel und fiel. Interessanterweise bildete ich mir ein, genau in dieser Zeit endlich mal die Kontrolle über mein Leben zu gewinnen, anstatt fremdbestimmt zu werden durch mein Umfeld. Ich zog aus, trennte mich von meinem Mann und beinahe meiner gesamten Familie und rannte einer verrückten Idee hinterher von dem „Nachholen“ einer wilden Jugend, die ich nie hatte.

Glücklicherweise war nicht alles dumm, was ich zu dieser Zeit tat. Ich suchte mir auch eine Therapeutin, mit der ich heute, fünf Jahre später, meine letzte gemeinsame Sitzung hatte. Das war tatsächlich der Rettungsring, der mich zwar erstmal nur an das gegenüberliegende Ufer brachte und nicht wieder direkt zurück in mein vorheriges Leben – doch ich wirbelte nicht mehr völlig haltlos herum, sondern konnte mit etwas Ruhe alles betrachten. Sie bestärkte mich auch immer wieder in einem weiteren Impuls:

Weg hier! Ich nahm unbezahlten Urlaub und reiste allein nach Südamerika. Dort realisierte ich schnell, was mir wirklich wichtig war.

Was ich liebe, habe ich im Tumult verloren. Alles bricht über mir ein, es pfeift in den Ohren. (…) Ich bin so weit weg – um wieder nah zu sein.

„Weit weg“ Bosse

Nach sechs Monaten hatte ich das große Glück, dass mein Mann seine „Leuchtfeuer“ für mich zündete – zögernd zwar, aber er war noch da und wollte an uns glauben. Gereift, gewachsen und vereint begannen wir wieder den Weg durch die Kinderwunschpraxen und die vielen Behandlungszyklen. Nach einer superkurzen biochemischen Schwangerschaft hielten wir ca. ein Jahr nach meiner Rückkehr erneut einen positiven Test in der Hand. Ich hatte gerade einen neuen Job angefangen und wir waren kurz vor unserer Abreise zu einer dreiwöchigen Japanreise. Schnell alle Medikamente ins Gepäck und los… Was hatte ich für eine Angst vor dem ersten Ultraschall nach unserer Rückkehr.

Dass das Herzchen nicht mehr schlug, war erst beim zweiten Ultraschall in der neunten Woche zu sehen.

Für mich ist das eine ziemlich krasse Erfahrung gewesen, nicht über alles die Kontrolle zu haben – wo ich doch die besten Voraussetzungen geschaffen hatte und mir bisher immer alles gelang, was ich anpackte. Doch manches lässt sich nicht erzwingen oder bezwingen. So wie unsere Lotte scheinbar nicht ihre Angst vor der Bodenlosigkeit und dem sicheren Stand bezwingen kann. Es scheint, als hielte sie Autofahrten einfach aus, weil sie mittlerweile weiß, dass sie danach immer wieder zurückfindet zur Kontrolle über ihre Bewegungen.

Ich halte die momentane Situation ebenfalls aus – in der Hoffnung, dass das Universum einen Plan hat. Irgendeiner muss doch die Kontrolle haben!