Über Lottes Art

Wir wissen nicht viel über Lotte bzw. ihr Leben vor unserem Kennenlernen. Sie ist als Welpe wohl in die Tierschutz-Station gekommen und wurde dort von einem älteren Herren abgegeben, der sie nicht länger behalten konnte, weil er ins Krankenhaus musste. Keiner weiß, warum ihr offenbar ein Teil ihres Schwanzes fehlt. Ein paar Menschen haben schon versucht, ihr ein paar Rassemerkmale zuzuschreiben, doch Genaues wollte sich nicht mal der Tierarzt trauen. Wir haben vor ein paar Tagen beschlossen, dass Lotte einfach Ihre eigene Rasse ist. Das nächste Mal, wenn jemand fragt, welche Rasse sie denn sei, sagen wir: eine Lotte!

Und ist es nicht so? Ist nicht jedes Lebewesen auf seine Art einzigartig und verdient, genauso angenommen zu werden?

Wir wussten quasi nichts über Lotte, als wir sie kennenlernten und haben uns einfach auf sie eingelassen. Haben geschaut, wie sie auf ihr neues Zuhause reagiert und auf unsere Nachbarn, auf Kinder und Katzen. Menschen findet sie übrigens nett bis uninteressant, Katzen versuchen wir ohne Leine zu vermeiden. Wir haben versucht, ihr von Beginn an Sicherheit und Ruhe zu geben, damit sie bei all den neuen Eindrücken immer einen Rückzugsort kennt, auf den Verlass ist. Nach und nach haben wir besondere Eigenschaften bei ihr entdeckt, z.B., dass sie manchmal wahnsinnig wählerisch ist beim Essen und sich gern auch füttern lässt mit einer Engelsgeduld. Vielleicht zeigen viele Hunde ähnliches Verhalten, für uns ist es etwas ganz spezielles Liebenswertes. Uns sind natürlich auch Dinge aufgefallen, die uns immer noch vor mittelschwere Herausforderungen stellen: Lotte ist ein Jagdhund. Wir haben das große Glück, direkt an einem größeren Waldstück zu wohnen und da hat sie uns schon das eine oder andere Mal stehen lassen – in Angst, in Unwissenheit, beim ersten Mal auch schon in etwas Panik. Das sind nie schöne Situationen, wenn sie laut bellend (eine der wenigen Gelegenheiten, sie bellend zu erleben) einem Tier, einem Schatten oder einer Spur hinterherjagt und sich immer weiter entfernt. Nicht nur um das gejagte Tier und die anderen Waldbewohner habe ich dann Angst, sondern tatsächlich auch um unseren Hund.

Doch das gehört zu Lotte wie all die anderen liebenswerten, kuriosen, lustigen und niedlichen Eigenschaften!

Und genauso möchte ich sie auch akzeptieren. Das bedeutet nicht, dass ich sie einfach gewähren lassen möchte und sie machen soll, was sie will. Aber ich werde ihr das Jagen nicht abgewöhnen, sondern wir versuchen immer wieder über alternative Strategien und mitunter gemeinsamen Jagen und Buddeln in Mäuselöchern ihr ein anerkannter Partner zu werden, damit sie in Ausnahmesituationen auch wieder auf uns zurückgreift.

Es ist vermessen, Hunde und Menschen zu vergleichen, doch ich glaube es ist so wichtig, dass wir auch unser menschliches Schicksal so annehmen, wie es kommt. Was mich bei unserem ersten Gespräch in der Adoptionsvermittlungsstelle am meisten beeindruckt und bestätigt hat, war die Aussage, dass sie Eltern für Kinder suchen und nicht andersherum. Diese klare, auf das Wohl der Kinder ausgerichtete Aussage leuchtete mir sofort ein und machte mich dem ganzen Prüfungsprozess gegenüber so viel geduldiger und verständnisvoller. Am Ende tragen die Mitarbeiter der Vermittlungsstelle eine unfassbar große Verantwortung, dass Eltern es wirklich schaffen, das kleine Menschenkind so anzunehmen, wie es ist – und damit zu seiner ganz eigenen Art werden lassen.